Schnell viel Wissen: Sinn und Unsinn eines Fragebogens

Am Anfang eines Projektes gibt es meistens eine Projektbeschreibung – mitunter in Form eines Antrags – ein paar wildentschlossene Mitstreiter und eine Menge Fragen. Womit beschäftigen wir uns hier eigentlich, was ist unsere Sicht auf das ‚Was’, ‚Wie’ und ‚Warum’ der nächsten Monate Zusammenarbeit.Häufig geht dann der Blick nach außen. Was gibt es eigentlich schon? In welche Landschaft tauchen wir ein? Gibt es bereits andere Projekte, Institutionen, Menschen, die auf diesem Gebiet Erfahrungen gesammelt haben, wollen wir natürlich von Ihnen lernen. Und dann ertönt der Ruf nach dem Fragebogen. Lasst uns doch einen Fragebogen an all diese rausschicken, im Handumdrehen haben wir all das Wissen, das wir benötigen und sind im Kontakt mit allen. Es klingt so verlockend: schnelles Wissen und den Netzwerkaufbau gibt es noch obendrauf.

Auch für Dörfer im Aufbruch war das einer der ersten Schritte. Es ging darum, eine Landkarte innovativer Dörfer Deutschlands zu erstellen. Sie sollten die Quelle der Inspiration sein – zeigen, was möglich ist. Wir hatten gelernt aus anderen Erfahrungen, also erstmal anrufen bevor wir einen Fragebogen schicken. Nur wie ruft man ein Dorf an? Wer sind die Ansprechpartner? Viele der Initiativen bestehen aus Freiwilligen.

Also neue Taktik – das Internet befragen. Am Ende standen 150 Dörfer auf einer Liste und die Fragebogen wurden versendet. Ausgefüllte Rücksendungen 3 – eine Quote von zwei Prozent.

Ein Versuch der Erklärung. Fragebogen können meist in nicht mehr als fünf bis zehn Minuten ausgefüllt werden. Mangel an Zeit wird häufig als erster Grund für das Nicht-Ausfüllen genannt, erklärt wohl kaum das desaströse Abschneiden.

Ein in unserem Projekt sicherlich entscheidender Punkt ist die Unsicherheit über die Adressaten, viele der Briefe haben wir ohne vorherigen ersten Kontakt sozusagen ins Leere geschickt. Haben wir die richtigen Ansprechpartner für unser Thema ermittelt?

Der zweite Grund sind wir, Dörfer im Aufbruch – eine bis dato relativ unbekannte Initiative. In Fragebögen werden die Befragten darum gebeten, Ihr Wissen, Expertise und Meinung preis zu geben. Aber wer möchte das wissen, wozu, was passiert mit meinen Äußerungen und was habe ich davon?

Es braucht Vertrauen, entweder, weil ich den Fragenden kenne (persönlich, die Institution, das Unternehmen oder auch die Umfrage-Agentur, bei der ich meine Daten hinterlassen habe). Es braucht eine Form der Verbundenheit mit dem Thema und Verbindlichkeit dem Fragenden gegenüber mir diese zehn Minuten zu nehmen. Ein Fragebogen kann Teil eines Dialogs sein, die Basis dazu ist, dass es vorher eine Beziehung gibt und somit den Wunsch des Austauschs.

Vermutlich haben mehr als zwei Prozent der von uns angeschriebenen, den Brief zumindest geöffnet und sich den Fragebogen angeschaut. Menschen haben zwar wenig Zeit, sind aber immer auch neugierig. Und hier können wir nur noch mehr mutmaßen. Bei der Erstellung eines Fragebogens geben wir alleine durch die Wahl dieser speziellen Frage, Formulierung unsere Sicht der Dinge mit. Meist tun wir das auch noch als die von Außen, wir haben keine Ahnung und formulieren über die Frage trotzdem Hypothesen. Beim Empfänger – unserem Experten – kann die gefühlt falsche Perspektive oder auch nur die falsche Wortwahl zur Ablehnung führen. Etwas, das man im Interview, im Gespräch sofort ausräumen kann, beim Fragebogen aber einfach zum Nichtausfüllen führt. Im extremsten Fall strahlt dieser erste Eindruck ab und mit einem Fragebogen wird auch noch die zukünftige Netzwerkarbeit erschwert.

Mit dem Wissen von heute über die Unerreichbarkeit (Telefon/Email) unserer speziellen Zielgruppe würden wir uns wahrscheinlich sofort für einen Roadtrip entscheiden. Selten wird man vor dem Gartentor stehen gelassen und die ersten persönlichen Kontakte liefern zusätzlich zu den Fakten persönlichen Beweggründe, Hintergrundgeschichten und Seitenerzählungen. Der erste Schritt ist punktuelles tiefes Wissen – die Landkarte abstecken.

Im besten Falle entdeckt man auf dem Weg ein existierendes Netzwerk, eine Organisation, die das Vertrauen bereits besitzt und kann so die Landkarte mit Hilfe eines Fragebogens (oder vielleicht doch kurzer Telefoninterviews) füllen.

Katia Musiolek, Evaluatorin des Projektes “Ermächtigung zur Demokratisierung von Dörfern”

“Als externe Evaluatorin darf ich einzeln und gemeinsam mit allen Projektbeteiligten punktuell hinter die Kulissen schauen. Meine Erfahrungen und AHA-Effekte möchte ich hier teilen…”

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