Wann gelingt demokratische Teilhabe im Dorf?

Eine der Fragen, mit denen sich das Projekt-Team von Dörfer im Aufbruch immer wieder beschäftigt, ist inwieweit demokratische Prozesse im ländlichen Bereich und die Förderung von bürgerlichem Engagement die negative Entwicklung vieler ländlicher Regionen aufhalten kann oder sogar positiv umkehren kann. Was sind die Faktoren, die ein Dorf und seine Bewohner dazu bewegen, sich über die täglichen sozialen Interaktionen hinaus miteinander in einen Entwicklungsprozess zu begeben und welche Faktoren lassen diese Bewegungen erfolgreich sein.

In der Auseinandersetzung und Analyse von Dörfern im Aufbruch wird klar, dass sich diese durch eine starke Vernetzung und einen intensiven Austausch auszeichnen. Die Bewohner – und meist reicht für einen erfolgreichen Start eine Handvoll – nehmen ihre Belange in die Hand, finden Lösungen für die Probleme der Gemeinschaft, gestalten aktiv Gesellschaft und unterstützen in dieser Form jeden Einzelnen. Diese Dörfer und ihre Bewohner übernehmen die Verantwortung für ihre Zukunft. Fotoserie Mineralstufen, rohe Edelsteine in Matrix … · Schmuckforum – Diskussionen rund um Schmuck

Häufig scheint es so etwas wie einen kritischen Punkt für Bürgerengagement zu geben. Einen Auslöser, an dem Bewohner ebendieser ländlichen Regionen sich zumeist selbst entscheiden müssen, ob ihr Dorf noch eine lebenswerte Zukunft darstelltwenn kein Bus mehr fährt, der letzte Arzt in der Region seine Praxis schließt oder die Schule im Nachbardorf schließt. Veränderungen, die das Leben des Einzelnen beeinflussen und auf die die Gemeinschaft reagieren muss. Das Zusammenkommen, die soziale Interaktion reicht hier nicht mehr, es geht um gemeinsame Entscheidungsprozesse, das Aushandeln der gemeinsamen Zukunft. archiv lotto 6 aus 49 lotto-news.de

Die Analyse der in ihrem Profil sehr unterschiedlichen Dörfer zeigt aber auch, meist reicht eine umgesetzte Lösung um die Kreativität und das Engagement zu beflügeln. Erfolg spornt an, aus Wenigen werden Viele. Engagierte Dörfer sind gelebte Teilhabe – Demokratie in ihrer Urform. Auf kleinstem Raum kommen hier Jung und Alt in all ihrer Diversität zusammen. Gemeinsame Entscheidungsfindung ist das Aushandeln dieser unterschiedlichen Interessen, in denen zukunftsfähige Alternativen entstehen (können). Eine Dorfinfrastruktur, die Familien (mit Kindern) hält und gleichzeitig das Leben im Alter problemlos möglich macht.

Häufig entstehen diese Initiativen abseits einer institutionellen Demokratie und Politik und brauchen neben den guten Ideen auch einen Prozess, an dessen Ende nicht neue Konflikte stehen sollen. Die engagierten Dorfbewohner sind Experten für die ‚richtigen’ Lösungen für ihr Dorf, ihre Region, nicht jedes Dorf hat jedoch zwangsläufig Experten für Teilhabe-Prozesse.

Hier setzt der Online-Kurs von Dörfer im Aufbruch an, er soll Menschen befähigen, komplexe Aushandlungsprozesse in Gemeinschaft zu meistern, sich selbst dabei nicht aus dem Auge zu verlieren und den Blick für wichtige Aspekte wie Finanzierung und Unternehmertum schärfen. Aus der Analyse und der Erfahrung mit Veränderungsprozessen sind Module entstanden, die Anregungen und Unterstützung für die erfolgreiche Umsetzung von Veränderungs- und Innovationsprozesse (nicht nur im ländlichen Raum) liefern. Die Beteiligten sollen die Möglichkeit erhalten, sich nicht nur von den Beispielen anderer Dörfer auf der Plattform inspirieren zu lassen, sondern gleichzeitig von Experten zu lernen.

Katia Musiolek, Evaluatorin des Projektes “Ermächtigung zur Demokratisierung von Dörfern”
“Als externe Evaluatorin darf ich einzeln und gemeinsam mit allen Projektbeteiligten punktuell hinter die Kulissen schauen. Meine Erfahrungen und AHA-Effekte möchte ich hier teilen…”

Dorf im Aufbruch – der Versuch einer Definition

Am Anfang stand eine Idee, die innovativen Dörfer Deutschlands auf einer Plattform abbilden, sie portraitieren und an einem zentralen Ort sichtbar machen. Die Initiative ‚Dörfer im Aufbruch’ möchte anderen Machern, Gemeinschaften und Initiativen im ländlichen Raum eine Quelle der Inspiration und möglichen Vernetzung bieten.  Das Team von ‚Dörfer im Aufbruch’ hatte sich zur Aufgabe gesetzt, möglichst vielen engagierten, innovativen Dörfern ein Gesicht zu geben. Und mit einer möglichst breiten Auswahl an eindrucksvollen positiven Beispielen Innovation im ländlichen Raum weiter anzuregen.

Mit dieser Vision vor Augen stand das Team vor einigen Fragen:

  • Was ist ein innovatives/ein engagiertes/ein zukunftsorientiertes Dorf? ’
  • ‚Wodurch zeichnet es sich aus? ’
  • ‚Was sind die konkreten Auswahlkriterien? ’ und
  • ‚Wie sieht der interne Auswahlprozess aus? ’

Ein Dorf kann sich in vielen Aspekten und Bereichen engagieren. Das Team von ‚Dörfer im Aufbruch’ hat diese in neun Kategorien aufgeteilt. Bereiche in denen ein Dorf, eine Dorfgemeinschaft oder engagierte Dorfbewohner aktiv werden können, die eine Dorfgemeinschaft stärken sowie jede(n) Einzelne(n) in ihrem oder seinem Alltag unterstützen.

Das Team formulierte folgende Bereiche:

  • Kinder & Jugendliche
  • Partizipation & Vernetzung
  • soziale Unterstützung
  • Arbeitsinfrastruktur der Arbeit
  • Finanzierung der Aktivitäten des Dorfes
  • Transport
  • Sport & Kultur
  • Umwelt
  • Gesundheit

Eine Erfahrung, die die Team-Mitglieder aus ihrem eigenen Leben im ländlichen Raum mitbrachten und in der ersten Recherche bestätigt fanden, engagierte Dörfer erkennt man an vielen Festen und Orten, an denen die Dorfbewohner zusammen kommen können, zusammen aktiv sein können, Austausch möglich ist.

Aber reicht ein Fest zu jedem Anlass, die Freiwillige Feuerwehr und der wiederbelebte Fußballverein um ein Dorf nachhaltig zukunftsfähig zu gestalten? Reicht das Engagement im Bereich Sport & Kultur tatsächlich, um ein Dorf als innovativ zu bezeichnen? Wie kann nachhaltig Abwanderung und das langsame Sterben vieler Dörfer verhindert werden?

Für das Team ‚Dörfer im Aufbruch’ ging es darum, Dörfer zu porträtieren, die Antworten auf diese Fragen finden, die neue Lösungen entwickeln, Dorfstrukturen neu denken, eine eigene Zukunft gestalten.

Ganz konkret war die objektive Antwort des Teams ‚Dörfer im Aufbruch’ eine Auswahlregel: ein innovatives Dorf muss in mindestens drei der oben genannten Kategorien aktiv sein.

Und doch wurde beim gegenseitigen Vorstellen und Diskussion im Team auch klar, dass die eigene Emotionalität eine Rolle bei der Auswahl spielt. Und die damit verbundene Frage, darf Emotionalität eine Logik sein? Die Antwort ist aus dem Ziel, der selbst gesetzten Aufgabe von ‚Dörfer im Aufbruch’ im Laufe des Projekts gewachsen. Die Initiative möchte inspirieren und Menschen mit realen, funktionierenden, teilweise verblüffenden Beispielen berühren. Sie möchte den noch fehlenden Anstoß geben, sich selber auf den Weg zu machen. Inspiration braucht Emotionalität, um zu Berühren.

Die Formel für nachhaltige Veränderungsprozesse scheint im Aufbau einer funktionierenden, modernen Infrastruktur für Jung und Alt in Verbindung mit einer vernetzten, lebendigen Dorfgemeinschaft zu bestehen.

Dörfer im Aufbruch möchte Dörfer zeigen, die Dinge anders angehen, Dorfleben neu definieren. Dörfer, die eine digitale Infrastruktur aufbauen und somit zum Beispiel ländliches Co-Working ermöglichen. Dörfer, die durch die Integration von Flüchtlingen zu neuem Leben erwachen. Dörfer, die eine Lösung für eine einzelne brennende Frage gefunden haben, wie ein funktionierendes Carsharing System auf dem Land und so die Mobilität aller Dorfbewohner sicherstellen.

Katia Musiolek, Evaluatorin des Projektes “Ermächtigung zur Demokratisierung von Dörfern”
“Als externe Evaluatorin darf ich einzeln und gemeinsam mit allen Projektbeteiligten punktuell hinter die Kulissen schauen. Meine Erfahrungen und AHA-Effekte möchte ich hier teilen…”

Schnell viel Wissen: Sinn und Unsinn eines Fragebogens

Am Anfang eines Projektes gibt es meistens eine Projektbeschreibung – mitunter in Form eines Antrags – ein paar wildentschlossene Mitstreiter und eine Menge Fragen. Womit beschäftigen wir uns hier eigentlich, was ist unsere Sicht auf das ‚Was’, ‚Wie’ und ‚Warum’ der nächsten Monate Zusammenarbeit.Häufig geht dann der Blick nach außen. Was gibt es eigentlich schon? In welche Landschaft tauchen wir ein? Gibt es bereits andere Projekte, Institutionen, Menschen, die auf diesem Gebiet Erfahrungen gesammelt haben, wollen wir natürlich von Ihnen lernen. Und dann ertönt der Ruf nach dem Fragebogen. Lasst uns doch einen Fragebogen an all diese rausschicken, im Handumdrehen haben wir all das Wissen, das wir benötigen und sind im Kontakt mit allen. Es klingt so verlockend: schnelles Wissen und den Netzwerkaufbau gibt es noch obendrauf.

Auch für Dörfer im Aufbruch war das einer der ersten Schritte. Es ging darum, eine Landkarte innovativer Dörfer Deutschlands zu erstellen. Sie sollten die Quelle der Inspiration sein – zeigen, was möglich ist. Wir hatten gelernt aus anderen Erfahrungen, also erstmal anrufen bevor wir einen Fragebogen schicken. Nur wie ruft man ein Dorf an? Wer sind die Ansprechpartner? Viele der Initiativen bestehen aus Freiwilligen.

Also neue Taktik – das Internet befragen. Am Ende standen 150 Dörfer auf einer Liste und die Fragebogen wurden versendet. Ausgefüllte Rücksendungen 3 – eine Quote von zwei Prozent.

Ein Versuch der Erklärung. Fragebogen können meist in nicht mehr als fünf bis zehn Minuten ausgefüllt werden. Mangel an Zeit wird häufig als erster Grund für das Nicht-Ausfüllen genannt, erklärt wohl kaum das desaströse Abschneiden.

Ein in unserem Projekt sicherlich entscheidender Punkt ist die Unsicherheit über die Adressaten, viele der Briefe haben wir ohne vorherigen ersten Kontakt sozusagen ins Leere geschickt. Haben wir die richtigen Ansprechpartner für unser Thema ermittelt?

Der zweite Grund sind wir, Dörfer im Aufbruch – eine bis dato relativ unbekannte Initiative. In Fragebögen werden die Befragten darum gebeten, Ihr Wissen, Expertise und Meinung preis zu geben. Aber wer möchte das wissen, wozu, was passiert mit meinen Äußerungen und was habe ich davon?

Es braucht Vertrauen, entweder, weil ich den Fragenden kenne (persönlich, die Institution, das Unternehmen oder auch die Umfrage-Agentur, bei der ich meine Daten hinterlassen habe). Es braucht eine Form der Verbundenheit mit dem Thema und Verbindlichkeit dem Fragenden gegenüber mir diese zehn Minuten zu nehmen. Ein Fragebogen kann Teil eines Dialogs sein, die Basis dazu ist, dass es vorher eine Beziehung gibt und somit den Wunsch des Austauschs.

Vermutlich haben mehr als zwei Prozent der von uns angeschriebenen, den Brief zumindest geöffnet und sich den Fragebogen angeschaut. Menschen haben zwar wenig Zeit, sind aber immer auch neugierig. Und hier können wir nur noch mehr mutmaßen. Bei der Erstellung eines Fragebogens geben wir alleine durch die Wahl dieser speziellen Frage, Formulierung unsere Sicht der Dinge mit. Meist tun wir das auch noch als die von Außen, wir haben keine Ahnung und formulieren über die Frage trotzdem Hypothesen. Beim Empfänger – unserem Experten – kann die gefühlt falsche Perspektive oder auch nur die falsche Wortwahl zur Ablehnung führen. Etwas, das man im Interview, im Gespräch sofort ausräumen kann, beim Fragebogen aber einfach zum Nichtausfüllen führt. Im extremsten Fall strahlt dieser erste Eindruck ab und mit einem Fragebogen wird auch noch die zukünftige Netzwerkarbeit erschwert.

Mit dem Wissen von heute über die Unerreichbarkeit (Telefon/Email) unserer speziellen Zielgruppe würden wir uns wahrscheinlich sofort für einen Roadtrip entscheiden. Selten wird man vor dem Gartentor stehen gelassen und die ersten persönlichen Kontakte liefern zusätzlich zu den Fakten persönlichen Beweggründe, Hintergrundgeschichten und Seitenerzählungen. Der erste Schritt ist punktuelles tiefes Wissen – die Landkarte abstecken.

Im besten Falle entdeckt man auf dem Weg ein existierendes Netzwerk, eine Organisation, die das Vertrauen bereits besitzt und kann so die Landkarte mit Hilfe eines Fragebogens (oder vielleicht doch kurzer Telefoninterviews) füllen.

Katia Musiolek, Evaluatorin des Projektes “Ermächtigung zur Demokratisierung von Dörfern”

“Als externe Evaluatorin darf ich einzeln und gemeinsam mit allen Projektbeteiligten punktuell hinter die Kulissen schauen. Meine Erfahrungen und AHA-Effekte möchte ich hier teilen…”

Wie Zeitdruck (Projekt)-Kräfte freisetzt (und nicht bewegungsunfähig macht)

Das Thema Zeitmangel taucht sicherlich in allen Projekten irgendwann auf. Fixe Termine auf die alle Beteiligten zuarbeiten, Finanzierungen, die irgendwann auslaufen, zu viele kleine Aufgaben, die sich auf immer länger werdenden Listen zusammenbrauen.

Hört man dem Team von Dörfer im Aufbruch nach sechs Wochen gemeinsamer Arbeit zu, hat es sich schier Unmögliches vorgenommen. In weniger als 5 Monaten sollen eine Konferenz, ein Online-Kurs, eine Webseite entstehen, die sich aus einer Datenbank mit Projektbeispielen speist, eine breite Öffentlichkeit will man erreichen, der Blog und Social Media Kanäle sollen bespielt werden…

Zur Halbzeit der ersten Projektphase haben sich einige dieser Ziele verändert. Die Konferenz ist zu Filmabenden mit Diskussion geworden – in drei Bundesländern; aus einem Tag sind drei Abende an drei verschiedenen Orten geworden. Die Ergebnisse und Projektprodukte sind nicht weniger geworden, sondern andere. Wie ist das möglich?

Das Team von Dörfer im Aufbruch arbeitet (unbewusst) in kurzen Projektsprints. Auf kurze Treffen für Vision, Reflektion und notwendige gemeinsame Planung folgen Phasen, in denen alle Teammitglieder autark (siehe Orgamodell) ihren Aufgaben, Verantwortungen nachgehen. Dies gewährt die Flexibilität Ideen auszuprobieren, zu modellieren und zu verwerfen.

Durch die Autonomie der Entscheidung können alle direkt ins Machen kommen. Gepaart mit einer gelebten Kultur der Fehlerfreundlichkeit und einer gehörigen Portion Humor hat jeder die Möglichkeit auch mal seiner Intuition oder dem Zufallsprinzip zu folgen. Es gibt kaum vordefinierte Projektabläufe, aber eine Menge Erfahrung und Lust zu spielen. Natürlich ist es nicht immer leicht, den eigenen Anspruch an Projektergebnisse oder (sinnvolle) Projektziele gefühlt nach unten korrigieren zu müssen. Die auferlegten Deadlines forcieren schnell sichtbare Ergebnisse; die Beruhigung ist, Korrekturen sind jederzeit im Nachhinein möglich.

Für Themen fern der Projektrealität – wie Ideen, Methoden und Formate entwickeln, der Austausch zur Form der gemeinsamen Arbeit und das Erdenken einer Zukunftsvision – reichen die regelmäßigen Teamtreffen kaum aus. Und manchmal – wie beim letzten Teamtreffen – gibt es kurze 15 Minuten, in denen magischerweise alle feststellen, dass sich ganz unabhängig voneinander ähnliche Zukunftsvisionen entwickelt haben. Das reicht um weiterzumachen und den Faden im Dezember wieder aufzunehmen.

Das ist wohl Teil der Portion Glück, die auch dazugehört. In diesem Fall hat sich ein Team zusammengefunden, in dem sich nur Einige kennen und schon zusammengearbeitet haben und trotzdem alle voneinander wie von alten Bekannten sprechen. Gemeinsam haben sie eine Atmosphäre der Offenheit geschaffen, in dem alle freundlich zugewandt und aufmerksam neben dem Projektmitglied und der gemeinsamen Aufgabe auch den Menschen sehen.

Katia Musiolek, Evaluatorin des Projektes “Ermächtigung zur Demokratisierung von Dörfern”
“Als externe Evaluatorin darf ich einzeln und gemeinsam mit allen Projektbeteiligten punktuell hinter die Kulissen schauen. Meine Erfahrungen und AHA-Effekte möchte ich hier teilen…”

Dezentral Arbeiten: wieviel gemeinsame Entscheidung ist nötig?

Dörfer im Aufbruch, das sind derzeit acht Menschen an sechs verschiedenen Standorten, fünf davon aktiv im Projekt beteiligt, drei in der Rolle der Initiatoren und Austauschpartner. Alle projekterfahren und mit einem Hang, Dinge immer wieder neu denken zu wollen.

Wie schafft man es eine solche dezentrale Organisation zusammenzuhalten und arbeitsfähig zu gestalten. Die Begeisterung für ein Thema hat das Team von Dörfer im Aufbruch im ersten Schritt zusammengeführt. Für alle Beteiligten geht es um das Gestalten von Gemeinschaft, wodurch und unter welchen Bedingungen Eigeninitiative und Teilhabe möglich ist, woran Akzeptanz und Entscheidungsprozesse scheitern können. Dörfer als Mikrokosmos des menschlichen Zusammenlebens, in dem Begegnung und Miteinander ermöglicht werden soll.

Innerhalb von 4,5 Monaten sollten eine Webseite, eine Konferenz und ein Online-Kurs auf die Beine gestellt werden. Die Projekterfahrung des Teams hatte gezeigt, dass auf mehrere Schultern verteilte Verantwortung häufig zu langen Abstimmungsschleifen führt. Die Qual der Entscheidungsunfähigtkeit hatten alle schon am eigenen Leibe erlebt.

Den Zusammenhalt und die Arbeitsfähigkeit schuf die bewusste Auswahl einer ‘neuen’ Organisationsstruktur. Die oberste Regel ist 1 Person = 1 Aufgabe; die eigene Aufgabe kann jede/r selbstbestimmt erledigen. Selbstverantwortung ist das leitende Prinzip. Für die einzelnen Mitglieder des Teams war die eigene Entscheidung über wann und wie sie arbeiten der Motivationsfaktor; die Hoheit über das eigene Arbeiten für Einige der ‘persönliche’ Erfolgsfaktor dieses Projekts.

Schwierig wird das Prinzip, wenn sich z.B. die Aufgabe im Laufe des Projekts ändert und dann Person und Aufgabe nicht mehr zueinander passen. Und was passiert mit den Aufgaben, die am Anfang des Projekts nicht verteilt werden, vielleicht noch nicht einmal existieren.

Hier kommen wir zur Kommunikation, wohl das schwierigste Unterfangen für dezentrale Projektteams. Das Team von ‘Dörfer im Aufbruch’ hat sich eine virtuelle Plattform als zentralen Raum für Austausch und Überblick gewählt auf der alle Teammitglieder ihre täglichen Aufgaben, Dokumente und Kommunikation speichern. Hier brauchte es nur einige Erinnerungen – der Sinn und Nutzen war allen klar.

Beim Prinzip der beratenden Entscheidung scheiden sich die Geister. Für die Erfahrenen (in dezentraler Projektzusammenarbeit) wurde in den ersten Monaten viel zu wenig auf das Wissen der Anderen zurückgegriffen. Dabei liegt die finale Entscheidung wie oder was gemacht wird immer bei der Person, die die Verantwortung für die Aufgabe hat; genauso gibt es auch die Verantwortung das Wissen des Teams zu nutzen – sich beraten zu lassen.

Beim Thema Beratung der eigenen Entscheidung scheint es einen (wahrscheinlich) nicht untypischen Gender Gap im Team zu geben. Den weiblichen Teammitgliedern fällt es wesentlich einfacher, da es aus Ihrer Sicht dazu dient, bessere Entscheidungen zu treffen, gerade unter enormen Zeitdruck. Im männlichen Blick raube ich auch noch dem Anderen etwas von seiner kostbaren Zeit und kann doch auch alleine entscheiden

Während der Halbzeit Reflektion waren sich alle Teammitglieder einig, wenn es um den Wert der direkten Kommunikation und des gemeinsamen Austausch geht. Der gemeinsame richtige Weg, eine Anregung für einen neuen Ansatz oder auch nur das gemeinsame Lachen über einen weiteren gescheiterten Versuch sind die Sonnenseiten der Teamarbeit.

Katia Musiolek, Evaluatorin des Projektes “Ermächtigung zur Demokratisierung von Dörfern”
“Als externe Evaluatorin darf ich einzeln und gemeinsam mit allen Projektbeteiligten punktuell hinter die Kulissen schauen. Meine Erfahrungen und AHA-Effekte möchte ich hier teilen…”

Der Luxus eines Blickes von außen

Gestern haben wir die ersten Zwischenergebnisse der Evaluation erhalten. Unsere Evaluatorin hat mit den meisten Teammitgliedern länger telefoniert und uns nun zurückgespiegelt, an welchen Stellen wir große Einigkeit haben und an welchen Stellen wir noch deutlichen Gesprächsbedarf haben. Warum ich das als Luxus empfinde? Aus drei Gründen:

  • Natürlich haben wir uns versprochen, bei Irritationen zu sprechen und finden, dass wir eine sehr offene Atmosphäre im Team haben. Und doch gibt es viele Dinge, die im Einzelgespräch mit einem Externen eher angesprochen werden. Unsere Evaluation präsentiert uns unsere Tabuthemen auf dem Silbertablett. Wir können dann immer noch “entscheiden”, nicht hinzugucken, aber wenigstens wissen wir, dass es sie gibt.
  • Wir arbeiten unter Hochdruck mit sehr enger Deadline und haben, entgegen unseren Überzeugungen, keine Zeit für echte Abstimmungen von Teamverständnis, Zukunftsvisionen, zugrundeliegender Haltung etc. Und wir stellen fest: ein Stück weit kann man das “outsourcen”. Wir haben gestern gelernt, an welchen Stellen wir uns einig sind – und es waren richtig viele. Das Gefühl, dass wir wirklich dasselbe wollen, hat sich verstärkt.  Statt dieses in langen Teamsitzungen zu erarbeiten, können wir nun beruhigt davon ausgehen, dass wir in dieselbe Richtung gehen. Das entlastet.
  • Einige der Ergebnisse waren schon obsolet, vieles hatte sich bereits erledigt, obwohl die Gespräche vor wenigen Wochen stattgefunden hatten. Es war der klare Beweis dafür, dass wir uns gut und schnell entwickeln. Von innen lassen sich diese Entwicklungen oftmals nicht sehen, wenn dann nur diffus spüren. Es hat gut getan, zu sehen, wie gut wir im Prozess sind – und natürlich auch, welche Themen wir noch haben.

 

Inhaltlich habe ich auch eine ganze Menge mitgenommen, das nicht nur für uns relevant ist, hier nur einige:

  • Wir wollen alles und noch viel mehr. Was an Zielen, die wir uns selbst stecken, in den Ergebnissen stand, war inspirierend und erschreckend zugleich – und sprengte komplett den Rahmen unseres Projektantrages. Sicher war es gut, zu Anfang einmal breit aufzumachen, doch nun ist es an der Zeit, zu fokussieren.
  • Wir genießen Eigenverantwortung und volle Ermächtigung, sind uns aber unsicher und uneinig, wieviel Kommunikation notwendig ist, damit das Gesamtnetz gut hält.
  • Vor lauter “arbeiten, arbeiten, arbeiten” nehmen wir uns nicht annähernd genug Zeit, mit denen zu kommunizieren, um die es eigentlich geht – in unserem Fall Dörfer deutschlandweit.

 

In allen Projekten, die ich kenne, ist es ähnlich: obwohl sich alle einig sind, dass Reflexion wichtigster Motor von Qualitätsentwicklung ist, ist es immer das erste, das im Projektalltag von der Tagesordnung gestrichen wird. Eine begleitende Evaluation stellt sicher, dass das nicht passiert. Aus meiner Sicht eine absolut lohnenswerte Investition für alle, die wenig Zeit haben und sich trotzdem reflektiert entwickeln möchten.

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch

Der wichtige Blick von außen

Uns ist sehr bewusst, wie schnell es gehen kann, das der eigene Blick von der Innenlogik getrübt wird und eine SYSTEMISCHE BLINDHEIT einsetzt. Otto Scharmer der Theory U empfiehlt in diesem Zusammenhang “Spaziergänge am Rande des Systems”, also mit Menschen, die einen Blick von außen schenken können, auf das System zu gucken. Am Rande des Systems aber, nicht von ganz außen, damit die Anschlussfähigkeit noch gegeben ist und auch wir nicht überfordert sind.Wir haben uns also auf die Suche nach EVALUATOREN gemacht, die einerseits die innere Welt von gesellschaftlichen Vorhaben kennen, auf der anderen Seite aber inhaltlich fremd genug, dass unsere Blindheit für sie nicht ansteckend ist – und sich genug mit Empirie auskennen, um immer mal wieder in die objektivere Richtung zu pushen. Mit ihnen haben wir besprochen, dass das, was wir das, das wir dank ihnen LERNEN, AUCH IMMER MIT EUCH TEILEN – damit Ihr von dem profitieren könnt, was uns gelingt (positives Wissen) und Ihr vielleicht dann aber eben auch nicht unsere Fehler wiederholen müsst (negatives Wissen). Sie werden bei uns im Blog regelmäßig berichten, was aus unseren Erfahrungen aus ihrer Sicht für andere Projekte relevant, vor allem aber auf die Dorfentwicklung übertragbar ist.

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch