Wenn wichtige Leute sich verabschieden

Manchmal kommen die Absagen alle gleichzeitig. Ein Teammitglied hat uns verlassen, weil sie für ein anderes Projekt eine Bewilligung gekriegt hat und beides nicht schafft. Und dann sagten direkt noch die Evaluatoren ab. Und für einen Moment fühlte sich alles so schwer an, als ginge es nicht ohne sie, als würde die ganze damit entstehende Arbeit uns komplett überfordern, als hätten wir soviel Pech, als hätten wir selber schuld.Doch es gehen immer Menschen. Einige im Guten, weil ihr Leben sie einfach woanders hintreibt. Andere eher trotzig oder desillusioniert. Sicher ist nur, dass die Gruppe, die in die Dorfentwicklung aufbricht nicht die Gruppe ist, die an der Ziellinie ankommt (also falls es so etwas wie eine Ziellinie überhaupt gibt). Das macht das Besondere an Dorfentwicklung aus. ES GIBT EBEN KEIN FESTES TEAM an Mitarbeitern in einer festen Organisation. Alle geben das, was sie können und ihre Lebensumstände verändern sich. Arbeitsstile sind unterschiedlich. Niemand hat wirklich Bestimmungsmacht. Visionen und Prioritäten gehen auseinander. Wie also umgehen mit diesen Veränderungen, die immer wieder auf uns zukommen?

Was wir gerade gelernt haben, ist:

  • Zunächst einmal die SCHULD AUS DEM SYSTEM nehmen. Das hat hier nichts zu suchen, sorgt nur für schlaflose Nächte und schwierige Beziehungen. Vielleicht können wir später daraus lernen, doch zuerst müssen wir einfach einmal traurig sein dürfen und uns gegenseitig versichern, dass wir das hinkriegen und es hier keinen Schuldigen gibt;
  • Ein gutes ABSCHIEDSGESPRÄCH führen, wenn irgendwie möglich. Wir haben uns mehrmals versichert, dass es keine zwischenmenschlichen Gründe fürs Auseinandergehen gibt, dass die Lebenssituationen einfach gerade nicht zusammen passen. Ein ernst gemeintes “Tschüß und Danke” von allen Seiten beschleunigt den Prozess ungemein;
  • DANKE SAGEN, DASS SIE GEHEN. Im Open Space heißt es, “ich ehre die Gruppe mit meiner Abwesenheit”. Nichts ist schlimmer als Menschen, die eigentlich nicht da sein wollen. Die Stimmung sinkt, die Ungeduld nimmt zu, alles wird plötzlich problematisch, was auch als Kleinigkeit gehandelt werden könnte. In unserem Fall sind sie alle an einem Punkt gegangen, wo es noch keinen großen Schaden gab, wo sie gerade noch ersetzbar waren. Es gibt ein großes Schade, aber keinen Schaden. Dafür können wir dankbar sein. Rechtzeitig zu gehen ist Ausdruck großer Verantwortung und Verlässlichkeit.
  • Sich AUF DIE FREUEN, DIE JETZT KOMMEN werden. Systeme sind verlässlich. Wo sich eine Lücke auftut, wird sie auch wieder geschlossen. Wie eine Pfütze im Matsch, die sich immer wieder füllt. Teilweise werden Rollen neu verteilt, die Aufgaben mischen sich ein wenig neu. Aber es kommt immer auch neue Unterstützung, wenn wir sie Willkommen heißen.
  • Zuletzt ist es dann aber auch wichtig, die NEUEN ANDERS SEIN ZU LASSEN und ihnen zu VERTRAUEN. Hier ist kein Raum für “Aber bei ihr war es anders…” oder “sicher wird sie uns auch wieder im Stich lassen, haben die anderen ja auch”. Wenn neue Menschen bleiben sollen, müssen sie genauso willkommen sein wie die Mitstreiter der ersten Stunde. Und ja, sie werden Dinge anders machen und nicht so gut können wie ihre Vorgänger, aber sie bringen auch neue Talente und neue Sichtweisen mit – und das nur kurz haltbare Geschenk einer freundlich gesonnenen Sicht von Außen.

 

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch

Gemeinsames Essen als Katalysator von Dorfentwicklung

In den letzten Wochen durfte ich erleben, wie zentral die Rolle des GEMEINSAMEN ESSENS im Dorf sein kann, vor allem dann, wenn das Essen schlicht, liebevoll und gesund ist. Auf Schloss Tempelhof wird dreimal am Tag Essen serviert, für alle aus dem Dorf, die es möchten. Im coconat arbeiten alle den ganzen Tag nebeneinander her und dreimal am Tag kommen alle an einem langen Tisch zusammen. Auch im Dorf im Aufbruch Oberndorf durfte ich sehen, welch zentrale Rolle in der gesamten Dorfentwicklung die Kombüse 53° gespielt hat. Und ich war einfach nur begeistert von der Wirkung von gemeinsamen Essen, über die ich noch nie nachgedacht hatte.Erst einmal fühlt es sich tatsächlich toll an, mit gesunder und lokaler Nahrung versorgt zu werden. Es hat bei mir einerseits ein Gefühl von LUXUS ausgelöst, andererseits eine ganz andere VERBINDUNG ZUM DORF aufgebaut, wenn die Quelle dessen, was ich esse, gleich um die Ecke ist oder ich sie sogar aus dem Fenster sehen kann.

Vor allem ist es aber eine Art des Zusammenkommens, die lebendig und unaufregend zugleich ist. Hier werden die Dinge besprochen, die wirklich wichtig sind, hier finden INFORMATIONSAUSTAUSCH und KREATIVITÄT statt, die bei einer Dorfversammlung fast unvorstellbar sind. Hier werden GEMEINSAME VORHABEN beschlossen und eben mal schnell umgesetzt. Und hier ist es aber auch völlig unaufregend, wenn sich jemand mal nicht einbringen möchte. Hier gibt es keine Erwartungen und deshalb werden Erwartungen übertroffen.

In einigen Städten und Dörfern gibt es Straßen, in denen die Bewohner einmal in der Woche oder einmal im Monat ihre Tische und Stühle auf die Straße stellen und ihr ESSEN MITEINANDER TEILEN. Die Bewohner laufen rum, setzen sich mal hier mal da hin und essen mit. Und mir wird langsam klar, warum das ein so mächtiges Instrument der Gemeinschaftsentwicklung ist, die Basis aller Transformation.

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch