Warum Dörfer für Innovation prädestiniert sind

Nach Rogers “Verbreitung von Innovation” verteilt sich die Umsetzung von Neuem immer ungefähr gleich: 2,5% der Menschen sind Innovatoren, 13,5% frühe Anwender, 34% bilden die frühe Mehrheit, 34% die späte Mehrheit und 16% werden nie mitmachen, egal was passiert.Wende ich das jetzt auf mein eigenes 200 Personen-Dorf an, kommt folgendes heraus:

  • Ich brauche nur 5 Personen, also 4 neben mir, die bereit sind, ins Ungewisse zu springen – denn die erste Gruppe setzt sich aus Menschen zusammen, die wirklich Freude daran haben, Pioniere zu sein;
  • Wir müssen dann 27 Personen finden, die sich für die Vision begeistern lassen, denn die zweite Gruppe sind Visionäre, die die Fähigkeit haben, sich Zukunft vorzustellen;
  • Wenn dann auch nur noch eine weitere Person dazukommt, also 33 Personen insgesamt, haben wir schon den Innovationsgraben überwunden, der als der Punkt betrachtet wird, bei dem die Veränderung nicht mehr aufzuhalten ist. Jetzt sind wir schon arbeitsfähig;
  • Die nächste Gruppe, also die nächsten 68, sind Pragmatiker – sie werden sich anstecken lassen, wenn es erste Erfahrungen gibt, wenn die Visionäre schon einmal vorgearbeitet haben und es pragmatische, sichtbare Ergebnisse gibt;
  • Die nächten 68 werden später dazustoßen, wenn es sich schon normaler anfühlt;
  • Und die letzten 32 werden immer alles doof finden, an denen müssen wir uns gar nicht abarbeiten.

In meinem Dorf können also 33 Personen nachhaltig alles verändern – eine Gruppengröße, die sogar noch in einen Raum passt. Auf die Macht, die wir haben, als Einzelpersonen die kritische Masse für Veränderung zu erreichen, kann jeder eigentlich nur neidisch werden.

Was wir noch aus der Theorie der Verbreitung von Innovationen lernen können?

  • Konzentriert Euch auf die Innovatoren und die Visionäre. Die anderen werden später dazu kommen. Der Versuch, sie von Anfang an zu begeistern, ist zum Scheitern verurteilt, denn sie können sich nicht für Ideen sondern nur für Sichtbares erwärmen. Schenkt ihnen die Zeit, sich an die Veränderung zu gewöhnen.
  • Lasst Euch nicht von den 16% beeinflussen, die Euer Vorhaben nie gut finden werden, sondern entwickelt ein respektvolles Immunsystem ihnen gegenüber. Sie haben das Recht, Euer Vorhaben abzulehnen und Ihr habt das Recht, es trotzdem umzusetzen.

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch

Der Luxus eines Blickes von außen

Gestern haben wir die ersten Zwischenergebnisse der Evaluation erhalten. Unsere Evaluatorin hat mit den meisten Teammitgliedern länger telefoniert und uns nun zurückgespiegelt, an welchen Stellen wir große Einigkeit haben und an welchen Stellen wir noch deutlichen Gesprächsbedarf haben. Warum ich das als Luxus empfinde? Aus drei Gründen:

  • Natürlich haben wir uns versprochen, bei Irritationen zu sprechen und finden, dass wir eine sehr offene Atmosphäre im Team haben. Und doch gibt es viele Dinge, die im Einzelgespräch mit einem Externen eher angesprochen werden. Unsere Evaluation präsentiert uns unsere Tabuthemen auf dem Silbertablett. Wir können dann immer noch “entscheiden”, nicht hinzugucken, aber wenigstens wissen wir, dass es sie gibt.
  • Wir arbeiten unter Hochdruck mit sehr enger Deadline und haben, entgegen unseren Überzeugungen, keine Zeit für echte Abstimmungen von Teamverständnis, Zukunftsvisionen, zugrundeliegender Haltung etc. Und wir stellen fest: ein Stück weit kann man das “outsourcen”. Wir haben gestern gelernt, an welchen Stellen wir uns einig sind – und es waren richtig viele. Das Gefühl, dass wir wirklich dasselbe wollen, hat sich verstärkt.  Statt dieses in langen Teamsitzungen zu erarbeiten, können wir nun beruhigt davon ausgehen, dass wir in dieselbe Richtung gehen. Das entlastet.
  • Einige der Ergebnisse waren schon obsolet, vieles hatte sich bereits erledigt, obwohl die Gespräche vor wenigen Wochen stattgefunden hatten. Es war der klare Beweis dafür, dass wir uns gut und schnell entwickeln. Von innen lassen sich diese Entwicklungen oftmals nicht sehen, wenn dann nur diffus spüren. Es hat gut getan, zu sehen, wie gut wir im Prozess sind – und natürlich auch, welche Themen wir noch haben.

 

Inhaltlich habe ich auch eine ganze Menge mitgenommen, das nicht nur für uns relevant ist, hier nur einige:

  • Wir wollen alles und noch viel mehr. Was an Zielen, die wir uns selbst stecken, in den Ergebnissen stand, war inspirierend und erschreckend zugleich – und sprengte komplett den Rahmen unseres Projektantrages. Sicher war es gut, zu Anfang einmal breit aufzumachen, doch nun ist es an der Zeit, zu fokussieren.
  • Wir genießen Eigenverantwortung und volle Ermächtigung, sind uns aber unsicher und uneinig, wieviel Kommunikation notwendig ist, damit das Gesamtnetz gut hält.
  • Vor lauter “arbeiten, arbeiten, arbeiten” nehmen wir uns nicht annähernd genug Zeit, mit denen zu kommunizieren, um die es eigentlich geht – in unserem Fall Dörfer deutschlandweit.

 

In allen Projekten, die ich kenne, ist es ähnlich: obwohl sich alle einig sind, dass Reflexion wichtigster Motor von Qualitätsentwicklung ist, ist es immer das erste, das im Projektalltag von der Tagesordnung gestrichen wird. Eine begleitende Evaluation stellt sicher, dass das nicht passiert. Aus meiner Sicht eine absolut lohnenswerte Investition für alle, die wenig Zeit haben und sich trotzdem reflektiert entwickeln möchten.

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch

Liebes Dorf, was brauchst Du gerade?

Nehmen wir eine Karotte. Natürlich können wir uns vorstellen, wie sie aussehen soll, wenn wir sie ernten. Wir können Termine und Zielgrößen festlegen, vielleicht sogar anderen Menschen Lieferversprechungen machen. Doch die Realität ist, wir haben auf die Möhre selbst keinen Einfluss. Direkt an ihr zu ziehen, lässt sie nicht schneller wachsen sondern bringt sie in Todesgefahr. Worauf haben wir Einfluss? Darauf, ihr die bestmöglichen Entwicklungsbedingungen zu geben. Wir können immer wieder vorbeigucken und herausfinden, was sie gerade braucht: Wasser? Bessere Erde? Die Nachbarschaft mit gewissen anderen Pflanzen?…

Wenn wir von organischer Dorfentwicklung sprechen, meinen wir genau das: wir wissen nicht, was am Ende herauskommen wird. Wir haben eine Vision, ein Ziel, eine Zeitvorstellung. Doch tatsächlich ist Entwicklung etwas zu komplexes, um es wirklich planen zu können. Wir können also nur immer und immer wieder hingucken und fragen: “Liebes Dorf, was brauchst Du gerade?” Manchmal ist das vielleicht eine Finanzspritze. Manchmal brauchen die  Aktivsten eine Pause oder eine große Ladung Wertschätzung. Manchmal sind es kreative Ideen von außen, die den nächsten Entwicklungsschritt ermöglichen.

Genau an dieser Stelle liegt der Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz. Wir können einen Plan machen, Meilensteine festlegen, uns Scheuklappen aufsetzen und losrennen. Wir werden die Meilensteine wahrscheinlich auch termingerecht erreichen und sehr effektiv arbeiten. Doch können wir heute wirklich schon wissen, was die Dorfentwicklung in 6 Monaten oder 2 Jahren benötigen wird? Durch die kontinuierliche Fragen “Liebes Dorf, was brauchst Du gerade?” bleiben wir effizient, das heißt, wir machen die Dinge nicht nur gut, sondern wir machen auch die richtigen Dinge gut. So können wir schnell auf das reagieren, was gerade ansteht und vergessen vor lauter Aktivitäten nicht, auf das zu blicken, was heute ist.

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch

Wir machen aus Eurem Geld etwas Schönes – gerne geschehen!

Wir verhalten uns oftmals Geldgebern gegenüber so, als würden nur wir aus der Partnerschaft etwas gewinnen und müsste unendlich dankbar sein. Doch das Geld ist ohne uns genauso wirkungslos wie wir ohne das Geld. Wir brauchen einander. Menschen und Organisationen, die mit ihrem Geld Gutes tun wollen, sind auf aktive Menschen wie uns angewiesen, denn ihr Geld alleine kann überhaupt nichts erreichen. Und wir sind auf Menschen angewiesen, die unsere Vorhaben finanziell unterstützen.

Wenn wir potentielle Geldgeber ansprechen, bitten wir also nicht um Geld, sondern bieten eine win-win-Partnerschaft. Vielleicht macht das gar keinen Unterschied in den Worten, die wir nutzen. Doch es macht einen riesigen Unterschied in unserer Haltung, darin, ob wir in voller Größe dastehen können oder ob wir uns klein fühlen.

Was brauchen wir also wirklich? Ein tolles Konzept oder eine mitreißende Vision. Etwas, das so schön und überzeugend ist, dass Menschen beteiligt sein möchten. Und es gibt im kleinen wie im großen Rahmen immer wieder Menschen, die so gerne etwas bewirken möchten, doch die Zeit dafür nicht haben. Sie freuen sich ehrlich, wenn sie wenigstens durch einen finanziellen Beitrag Teil des Vorhabens sein und “wir” sagen dürfen. Wir bitten nicht um Geld, wir bieten Wir-Gefühl und Teilhabe an etwas fantastischem: der Veränderung der Welt zum Besseren. Die Frage an Geldgeber ist daher keine andere als an alle anderen Mitstreiter, die wir suchen: “Möchtest Du beteiligt sein? Ist das etwas, was Dein Engagement wert ist, etwas, an dessen Notwendigkeit und Wirkung Du glaubst?”. Bei einem Ja auf diese Frage dürfen sich dann Menschen unterschiedlich beteiligen: einige mit Zeit, einige mit Geld. 

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch

Wenn Plan A nicht klappt…

Wir haben uns selbst einen sehr sehr engen Zeitplan gesetzt. Einerseits weil wir es wollten, andererseits weil es Bedingung für die Förderung war. Wir wollten es, weil wir so schnell wie möglich echte Inspirationen online haben wollen, damit all die Dörfer so kreativ wie möglich durchstarten können. Wir sollen es, weil das eben die Förderbedingungen sind: dieses Jahr noch. Wir haben es versprochen. Und dann… will es einfach nicht nach Plan gehen.

Es ist spannend, was dann menschlich passiert. Die Personen, die davon betroffen sind, dass der Plan eben nicht klappen will, durchleben Versagensgefühle. Zuerst geht es nicht darum, dass der Plan vielleicht unrealistisch ist, sondern dass die Person nicht gut genug ist, ihn umzusetzen. Wir mussten uns erst einmal wieder daran erinnern, dass es eben nur ein Plan ist. Und wenn Plan A nicht funktioniert, dann hat das Alphabet ja noch 25 weitere Buchstaben, die wir probieren können. Und mit all den Sonderzeichen führen noch viele viele Wege nach Rom – oder in unserem Falle, bis Dezember Inspirationen online zu haben.

Was hilft also, wenn Plan A nicht funktioniert?

Zunächst einmal den Menschen vom Plan trennen. Der Plan war unrealistisch. Eine theoretisch gute Idee, die sich aber in der Realität nicht bewiesen hat. Für dieses Forschungsergebnis können wir dankbar sein, wir haben Negativwissen gewonnen, auch wichtig und hilfreich. Und die Person, die uns diese Erkenntnis geschenkt hat, verdient Dank dafür, dass wir lernen durften. Es ist viel schwerer, ohne Ergebnisse zu arbeiten als wenn es viele kleine Zwischenerfolge gibt.

Dann nochmal genau aus Ziel schauen. Was genau wollen wir eigentlich erreichen? Wir haben uns ja nicht einem Plan verpflichtet, sondern einem Ziel, vielleicht auch einem Produkt. Was genau haben wir eigentlich versprochen?

In unserem Fall haben wir festgestellt, dass wir versucht haben, in der Umsetzung gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Wir wollten parallel ein Netzwerk aufbauen. Ok, das war dann wohl etwas überambitioniert für ein paar Monate in einer neuen Initiative, die noch keiner kennt. Das eigentliche Ziel war immer, Inspirationen aus Dörfern für Dörfer aufzubereiten. Also bleiben wir doch genau dabei. Und schon ist, ganz von alleine, ein neuer Plan entstanden. Dass Plan B gut ist, war schnell spürbar, denn die Person, die die Umsetzung verantwortete, jubelte fast: “Ja, jetzt kann ich endlich richtig arbeiten und wirken!”

Insgesamt geht es wohl um eine richtige Balance: den Plan nicht gleich hinschmeißen, denn es gibt Hindernisse und kleine Anpassungen und kein Plan wird reibungslos sein. Wenn jedoch nach einiger Zeit ganz deutlich keine Ergebnisse sichtbar werden, dann brauchen wir einen neuen Weg zum Ziel. Es ist niemals der Plan, der uns leitet, sondern immer das Ziel.

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch

Wer war da nochmal zuständig?

“Irgendjemand hatte gesagt, dass er das macht. Weißt Du noch, wer das war?”.
“Du hattest das zugesagt und hast es nicht getan. Du kannst doch jetzt nicht sagen, dass Du Dich daran nicht erinnerst?”

In unserem Team führen wir unsere To-Do- Listen online. Das hilft einerseits mir, damit ich selber nichts vergesse, andererseits den anderen, weil sie wissen, dass ich das auf dem Schirm habe. Wir können auch die einzelnen To-Dos kommentieren und mitteilen, dass wir jetzt etwas brauchen, sogar einzelne To-Dos auf den Listen der anderen nach oben schieben. Diese Transparenz hilft ungemein, denn tatsächlich sage ich so oft Kleinigkeiten zu, die ich zu schnell wieder vergesse – doch was für mich eine Kleinigkeit ist, ist für die Person, die darauf wartet, die Voraussetzung, um überhaupt starten zu können. (Wir arbeiten auf Basecamp, einem kostenpflichtigen Tool, haben aber auch gute Erfahrungen mit der kostenlosen Version von MeisterTask.)

Doch welche Möglichkeiten gibt es auch ohne Online-Tools? Ich war vor kurzem bei einem Entwicklungstreffen, das genau so verlief, wie immer: höchste Kreativität, solange es darum ging, Neues zu entwerfen und größte Stille und Müdigkeit, wenn es am Schluss darum ging, sich für einzelne Aufgaben in der Umsetzung zu verpflichten. Doch irgendwann war es vollbracht: alle Aufgaben hatten ihre Paten gefunden. Und die Moderatorin hat sie mit ihren Aufgaben fotografiert. Einige Menschen waren alleine auf dem Bild, denn sie hatten alleine eine Aufgabe übernommen. Andere waren zu zweit oder zu dritt. Jedesmal, wenn sie ein Bild mit einer Aufgabe machte, bedankte sie sich explizit und die Gruppe begann spontan an, zu klatschen. Es war ein schöner Moment. Und am nächsten Tag kam per Email eine Fotoseite mit Datum als PDF.

Ich fand diese Idee genial, aus drei Gründen:

  • der Moment war toll. Es gab echte Wertschätzung für die Personen, die sich eine Aufgabe genommen hatten, sie waren total aktiviert;
  • das Gefühl der Verbindlichkeit war sofort größer, sie hatten “Gesicht gezeigt”;
  • und ganz pragmatisch: ich kannte nicht alle Namen. So hatte ich die Chance, noch einmal zu sehen, wer sich hinter dem Namen auf der Aufgabenliste verbarg und die Ansprache fiel mir so unendlich leichter.

 

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch

Der wichtige Blick von außen

Uns ist sehr bewusst, wie schnell es gehen kann, das der eigene Blick von der Innenlogik getrübt wird und eine SYSTEMISCHE BLINDHEIT einsetzt. Otto Scharmer der Theory U empfiehlt in diesem Zusammenhang “Spaziergänge am Rande des Systems”, also mit Menschen, die einen Blick von außen schenken können, auf das System zu gucken. Am Rande des Systems aber, nicht von ganz außen, damit die Anschlussfähigkeit noch gegeben ist und auch wir nicht überfordert sind.Wir haben uns also auf die Suche nach EVALUATOREN gemacht, die einerseits die innere Welt von gesellschaftlichen Vorhaben kennen, auf der anderen Seite aber inhaltlich fremd genug, dass unsere Blindheit für sie nicht ansteckend ist – und sich genug mit Empirie auskennen, um immer mal wieder in die objektivere Richtung zu pushen. Mit ihnen haben wir besprochen, dass das, was wir das, das wir dank ihnen LERNEN, AUCH IMMER MIT EUCH TEILEN – damit Ihr von dem profitieren könnt, was uns gelingt (positives Wissen) und Ihr vielleicht dann aber eben auch nicht unsere Fehler wiederholen müsst (negatives Wissen). Sie werden bei uns im Blog regelmäßig berichten, was aus unseren Erfahrungen aus ihrer Sicht für andere Projekte relevant, vor allem aber auf die Dorfentwicklung übertragbar ist.

von Monia, Team Dörfer im Aufbruch